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Ignatz Bubis zu Gast
Er habe auf einen Sprachfehler seines prominenten Gastes spekuliert, sagte
der Lehrer Michael Höhme verschmitzt. Ignatz Bubis könne nicht
"Nein" sagen, war in der Autobiographie zu lesen. "Nein"
sagte der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland dann auch nicht,
sondern er folgte am Freitag nachmittag einer Einladung ins Döbelner
Lessing-Gymnasium, um in der vollbesetzten Aula die Jugend zu Toleranz
aufzurufen.
Seit September des vergangenen Jahres beschäftigen sich rund 70 Schüler des
Gymnasiums in einem fächerübergreifenden
Wahlgrundkurs mit der Geschichte des Judentums in Deutschland. Michael Höhme
hatte dieses Angebot erarbeitet, Exkursionen organisiert und schließlich Ignatz
Bubis nach Döbeln eingeladen. "Und da ich einen freien Nachmittag ´hatte,
bin ich gekommen. Heute früh war ich in Radebeul, jetzt fahre ich weiter nach
Hoyerswerda", sagte Bubis.
Der 72jährige wirkte auf den ersten Blick gebrechlich. Doch als er hinter dem
Rednerpult stand, waren ihm die Reisestrapazen nicht mehr anzumerken.
Zweieinhalb Stunden lang beantwortete er die Fragen der Schüler, mit fester,
klarer Stimme. Der hervorragende Redner wußte sein Publikum zu fesseln - mal
ernst und mahnend, mal mit tiefsinnigem Witz und Charme.
Warum er nicht müde werde, die Deutschen an die dunklen Kapitel ihrer
Geschichte zu erinnern, wurde Bubis gefragt. "Weil wir aus der Geschichte
lernen müssen. Es geht mir nicht um Schuldzuweisungen, denn Schuld ist immer
etwas persönliches. Aber die
Geschichte eines Volkes ist unteilbar. Die Deutschen dürfen sich nicht nur an
die g´uten Seiten ihrer Geschichte erinnern, an Goethe, Schiller oder Lessing.
Sie müssen auch aus den schlechten Seiten lernen." Gerade die jungen
Menschen müßten sich der Geschichte stellen: "Denn sie werden die
Entscheidungen in dieser Demokratie einmal mitbestimmen, und da müssen sie auch
wissen, was Menschen Menschen antun können", mahnte Bubis die
Gymnasiasten.
Vorurteile und Verallgemeinerungen wären die schlimmsten Grundübel unserer
Zeit. "Die Mehrheit der deutschen Gesellschaft sieht in dem Juden einen
Fremden, Ausländer. Das ist eine große Belastung, denn es gibt kein Mit-,
sondern ein Nebeneinander. Deutsche erwarten von anderen immer, daß sie genauso
sind wie sie selbst. Warum kann man den anderen nicht ihre Kultur lassen?"
Bubis forderte die Schüler auf, Menschen nicht nach ihrer Herkunft oder
Religion in "Kästchen" einzusortieren, denn "Am Ende sind alle
Menschen gleich."
Den aufkommenden Rechtsextremismus sieht Bubis nicht als deutsches Problem.
"Dieses Potential ist ein europäisches Potential, in Deutschland ist es
aus historischen Gründen vielleicht noch nicht einmal so groß wie in anderen Ländern.
Am Ende muß eine Demokratie das ertragen und damit leben können." Schlimm
werde es, wenn rechtsextreme Gruppierungen an der Macht beteiligt würden.
"Die Folgen davon hat Deutschland schon erlebt. In dem Moment, in dem sich
das wiederholt, werde ich von hier verschwinden."
Geduldig beantwortete Bubis jede Frage, ob zur Stellung der Frau im Judentum
oder zum Mahnmal für die Opfer des Holocausts in Berlin. Die Gymnasiasten
dankten dem Redner mit Applaus, viele verließen nachdenklich die Aula.
(Thomas Hartwig, Döbelner Allgemeine Zeitung vom 20.03.99)
 
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