|
| |
Jiddisch
Wo immer sich Juden für längere Zeit in der Diaspora niederließen,
entstanden ,,Judensprachen. Diese waren eine Mischung aus der Sprache der
jeweiligen Umwelt und den traditionellen jüdischen Sprachen Hebräisch und Aramäisch.
Die beiden wichtigsten Judensprachen waren das Judäospanische (Ladino)
und das Jüdisch - Deutsche (Jiddisch).
Jiddisch entstand im mittelhochdeutschen Sprachraum, wo Juden seit dem 9.Jh.
nachgewiesen sind, und fand vor allem in Osteuropa als Umgangssprache
Verbreitung. Hier entwickelte es sich weiter; es wurde die Alltagssprache des
Schtetl.
Seit Ende des 13.Jh. wurde Jiddisch auch zur Literatursprache. Im 19.Jh. haben
vor allem zwei Bewegungen die Herausbildung einer modernen jiddischen
Literatursprache gefördert: der Chassidismus und die Haskala (innerjüdische
Aufklärung). Der Chassidismus verhalf der Volksliteratur zu einer neuen Blüte,
während die Aufklärer Texte veröffentlichten, in denen sie Kritik an den
bestehenden Verhältnissen im Schtetl übten. Viel lieber hätten sie in der
,,reinen jüdischen Sprache ,dem Hebräischem, geschrieben, doch hätten sie
damit die breiten Volksmassen einschließlich der Frauen nicht erreicht. So
griffen sie zunächst aus pragmatischen Gründen aufs Jiddische zurück.
Als Väter der modernen jüdischen Literatur gelten Mendele Mocher Sforim (1835
- 1917), Isaak Leib Perez (1851 - 1915) und Scholem Aleichem (Pseudonym für
Schalom Rabbinowitsch, 1859 - 1916).
Überzeugt von den Ideen der Aufklärung schrieb Mocher Sforim ursprünglich in Hebräisch.
In der Absicht, ein breites Publikum zu erreichen, wandte er sich aber bald dem
Jiddischen zu. Der nachfolgenden Schriftstellergeneration galt er als der Schöpfer
und Begründer der neueren jiddischen Literatur; sie bezeichneten ihn liebevoll
als ihren Seide (Großvater).
Perez begann in den 80er Jahren unter dem Einfluss grausamer Pogrome nach der
Ermordung des Zaren Alexander II. (1881) auf Jiddisch zu schreiben. Ab 1891 gab
er die Jiddische Bibliothek heraus, in der neben der jiddischen Literatur
auch populärwissenschaftliche Texte zum Zweck der Volksbildung erschienen. Er
war Mitarbeiter vieler jiddischen Zeitungen und Journale und bemühte sich um
das jiddische Theater. Zu seinen bedeutendsten Werken gehören die Erzählbände
Volkstümliche Geschichten und Chassidische Erzählungen. Auf der
Konferenz der Jiddischisten in Czernowitz (1908), bei der es darum ging, die
jiddische Literatur als zeitgemäßes, ernstzunehmendes Schrifttum bewusst zu
machen, war Perez einer der Wortführer. Bei seinem Begräbnis sollen sich 100
000 Trauernde versammelt haben.
Auch Aleichem wandte sich in der Hoffnung , die Volksmassen mit
Geschichten erziehen zu können, der jiddischen Sprache zu. Er beschrieb den Typ
des ewig Scheiternden, der doch immer wieder Hoffnung schöpft und sich bemüht,
mit Humor seinen oft traurigen Alltag zu bewältigen. Im Roman Tewje, der
Milchmann (1894) hat er diesen Typ verewigt. Tewjes Geschichten wurden zur
Vorlage des Musicals Fiddler on the Roof (Anatevka),
das 1964 mit großem Erfolg am Broadway vorgestellt wurde und seither auf den Bühnen
der ganzen Welt gespielt wird.
Für die weniger gebildeten Männer, vor allem aber für die Frauen, die nur
am Rande in das traditionelle Bildungssystem einbezogen waren und die Sprache
der Gebildeten, das Hebräische, nicht beherrschten, entstand eine umfangreiche
Literatur in ,,Weiberdeutsch wie das Jiddische nicht selten abfällig
genannt wurde. Ein Beispiel dafür ist die Zenne Renne, eine Sammlung von
volkstümlichen, frei ausgeschmückten Bibelübertragungen, die mit Erläuterungen
versehen sind. In den Jahrhunderten war die Zenne Renne das grundlegende
Erziehungs- und Bildungsbuch der jüdischen Frau. Etwa um die
gleiche Zeit entstanden die Tchines (von techinna, ,,Flehen), persönliche
Bittgebete für die Frauen, die in einem gefühlsbetonten Stil verfasst waren
und der Erbauung dienten. Einige wurden sogar von Frauen geschrieben, ein Phänomen,
das in der religiösen Literatur nicht häufig war.
Ein jiddischer Text ganz besonderer Art sind die Memoiren der Glückel von
Hameln (1646 - 1724), einer selbstbewussten Tochter aus reicher Hamburger
Familie, Ehefrau, Mutter von 12 Kindern und Geschäftsfrau. In ihren
Erinnerungen, die sie für ihre Kinder schrieb, spiegelt sich das Alltagsleben
der begüterten jüdischen Kreise in Norddeutschland Ende des 17. und Anfang des
18. Jh. wider.
Noch vor dem Zweiten Weltkrieg war das Jiddische weltweit die Muttersprache
von etwa 12 Mio. Menschen. Während des Krieges wurde die jiddische Sprache und
Literatur mit ihren Autoren und Lesern in Mittel - und Osteuropa vernichtet.
Viele wanderten aber auch aus. Unter den eingewanderten Autoren bildete sich
bald eine rege Literaturszene heraus. Schriftsteller wie Isaac Bashevis Singer,
sein älterer Bruder Israel Joshua Singer, Scholem Asch u.a. erwiesen sich als
bedeutende Erzähler, die durch Übersetzungen in europäische Sprachen auch
viele Leser in nichtjüdischen Kreisen gefunden haben. Mit der Verleihung des
Literatur Nobelpreises an Isaac Bashevis Singer im Jahr 1978 wurde die
gesamte jiddische Literatur geehrt.
erarbeitet von
Daniel Schmidt
Kristian Kunz
Jana Zerche
Zur
Startseite
| |
|