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Quellentext:
Mit diesem
Brief gelang es Moses Mendelssohn die Vertreibung der Dresdener Juden
abzuwenden.
Hannover, den 19. Nov.
1777
An den Herrn
Geh. Kammerrat von Ferber Hochwohlgeboren zu Dresden
In der
äußersten Bestürzung und Niedergeschlagenheit, darin ich mich befinde, wage
ich es, mit dem kindlichsten Vertrauen zu Ihnen, großmütiger Menschenfreund!
meine Zuflucht zu nehmen und mit der innigsten Wehmut um Ihren hilfreichen
Beistand zu flehen. Gnädiger Herr! Ich vernehme mit der letzten Post, dass
viele Hunderte meiner Mitbrüder aus Dresden vertrieben werden sollen. Unter
denselben befinden sich so manche, die ich persönlich kenne, von deren
Rechtschaffenheit ich überführt bin, die zwar von Vermögen abgekommen und
vielleicht nicht imstande sind, die ihnen auferlegten Lasten zu tragen; die aber
sicherlich nicht durch Verschulden, nicht durch Verschwendung und Faulheit,
sondern durch Unglücksfälle soweit heruntergekommen sind. Gütiger, allwohltätiger
Vater! Wo sollen diese Elenden mit ihren schuldlosen Weibern und Kindern hin? Wo
Schutz und Schirm finden? Wenn das Land, in welchem sie um ihr Vermögen
gekommen sind, sie ausschleudert? Das Vertreiben ist für einen Juden die härteste
Strafe: mehr als bloße Landesverweisung, gleichsam Vertilgung von dem Erdboden
Gottes, auf welchem das Vorurteil ihn von jeder Grenze mit gewaffneter Hand zurückweist.
Und diese härteste der Strafen sollen Menschenkinder leiden ohne Schuld und
Vergehung, bloß, weil sie andern Grundsätzen zugetan und durch Unglück
verarmt sind? Und der Israelit soll ehrlich sein, an dem Armut so hart als
Unehrlichkeit bestraft wird? Nein! Ich enthalte mich aller weiteren
Betrachtungen, um das Herz des Menschenfreundes zu schonen, welches dadurch zu
sehr verwundet werden würde. Ich habe noch Hoffnung, gegründete, und in meiner
Herzensangst mich noch tröstende Hoffnung. Unter der Regierung des besten,
liebevollsten Fürsten, unter der Verwaltung weiser Menschenfreunde kann unmöglich
Strafe ohne Verbrechen zu befürchten sein; kann der schuldlosen Armut, in
welcher Gestalt, Sitte und Religion sie sich einfindet, nicht Feuer, Wasser und
Obdach versagt werden.
Vergeben Sie, verehrungswürdiger Beschützer der Unschuld! wenn
ich nicht so an Sie schreibe, wie ich an Sie schreiben sollte. Mein Herz ist zu
voll, mein Gemüt zu unruhig und keiner überlegenden Fassung fähig. Ich bin
mir aber gleichwohl völlig bewußt, mit welcher Ehrerbietung und Hochachtung
ich bin etc.
Moses Mendelssohn
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